„Ich möchte aufhören“ – Was Schülerinnen und Schüler damit wirklich sagen


Gepostet am 19. Juni 2026

Irgendwann sagen es die meisten Musikschülerinnen und Musikschüler: „Ich möchte aufhören.“ Manchmal geschieht das nach einer schwierigen Unterrichtsstunde. Manchmal kommt es nach Monaten langsamer Fortschritte, nach einer misslungenen Prüfung oder wegen eines Stücks, das einfach nicht gelingen will. Und gelegentlich passiert es an einem ganz gewöhnlichen Dienstag – ohne erkennbaren Auslöser.

Wie eine Lehrkraft in diesem Moment reagiert, kann den weiteren Verlauf entscheidend beeinflussen – nicht nur, ob die Schülerin oder der Schüler weitermacht, sondern auch, zu welcher Art von Lernendem sie oder er sich entwickelt.

Es geht selten wirklich ums Aufhören

Das Wichtigste zuerst: „Ich möchte aufhören“ ist fast nie eine endgültige Entscheidung. Es ist vielmehr ein Signal.

Was damit meist gemeint ist, lautet eher:

  • Ich bin erschöpft und komme nicht weiter.
  • Ich weiß nicht, ob ich überhaupt besser werde.
  • Ich habe das Gefühl, nicht wahrgenommen zu werden.
  • Das ist viel schwieriger, als ich erwartet habe, und ich bin mir nicht sicher, ob sich die Mühe lohnt.

Diese Gefühle sind berechtigt. Sie verlangen jedoch nach einer anderen Reaktion, als die Aussage einfach wörtlich zu nehmen.

Wenn eine Schülerin oder ein Schüler (oder auch ein Elternteil oder erwachsene Lernende) sagt, dass sie oder er aufhören möchte, sollte die erste Reaktion Neugier sein – nicht Verteidigung. Fragen Sie: „Was genau funktioniert im Moment nicht?“ Nicht auf bohrende oder klinische Weise, sondern mit ehrlichem Interesse.

Vielleicht liegt das Problem am Repertoire, an der Überoutine, am Zeitdruck einer bevorstehenden Prüfung oder am Vergleich mit Geschwistern oder Gleichaltrigen. Häufig eröffnet allein das Erkennen der eigentlichen Ursache der Frustration bereits einen Lösungsweg, den die betroffene Person selbst noch nicht gesehen hat.

Dies ist ein Moment des Zuhörens, nicht des Überredens.

Die Mauer hat einen Namen

Beim Erwerb neuer Fähigkeiten gibt es ein gut dokumentiertes Muster: eine Phase, in der die anfängliche Begeisterung nachlässt, während die eigenen Fähigkeiten noch nicht auf dem gewünschten Niveau angekommen sind.

Die Lernenden wissen inzwischen genug, um die Lücke zwischen dem zu hören, was sie spielen, und dem, was sie gerne spielen würden. Sie sind keine Anfängerinnen oder Anfänger mehr, für die alles neu und spannend ist – aber sie beherrschen ihr Instrument noch nicht so sicher, dass das Musizieren aus sich heraus befriedigend wirkt.

Genau das ist der schwierigste Abschnitt. Und genau hier steigen die meisten aus, die später aufhören.

Diese Phase gegenüber Schülerinnen und Schülern zu benennen, ist bereits eine Form der Unterstützung. Wenn ein Kind (oder auch ein Erwachsener) versteht, dass das Erlebte ein normaler und vorhersehbarer Teil des Lernprozesses ist – und kein Zeichen mangelnder Begabung oder dafür, dass Musik „nichts für sie oder ihn ist“ –, verändert sich das Erleben.

Aus „Ich scheitere“ wird „Ich bin gerade an dem Punkt, durch den alle einmal hindurchmüssen.“

Entwicklungspsychologie und Musikpädagogik stimmen in einem Punkt überein: Das Benennen einer Erfahrung löst sie zwar nicht auf, nimmt ihr aber die zusätzliche Last von Scham und Selbstzweifeln, die sie oft unnötig schwer macht.

Was man vermeiden sollte

Nicht diskutieren.
Eine Liste von Gründen vorzubringen, warum die Schülerin oder der Schüler weitermachen sollte – all die investierte Zeit, die bisherigen Fortschritte oder das vermeintlich verschwendete Potenzial –, führt selten zum Erfolg und wirkt oft sogar kontraproduktiv. Aus einem Gespräch über die persönliche Erfahrung wird eine Verhandlung, und Lernende verhärten häufig ihre Position.

Nicht abtun.
„Nächste Woche siehst du das bestimmt anders“ mag stimmen, vermittelt aber zugleich, dass die Gefühle der betroffenen Person nicht ernst genommen werden. Die Gefühle sind real – und sollten zunächst anerkannt werden.

Kein schlechtes Gewissen erzeugen.
„Weißt du eigentlich, wie viel Zeit und Geld wir schon investiert haben?“ ist vermutlich der schnellste Weg, dafür zu sorgen, dass die Schülerin oder der Schüler das Instrument noch jahrelang mit Frust verbindet.

Nicht dramatisieren.
Es handelt sich um einen einzelnen Moment in einer einzelnen Unterrichtsstunde. Daraus muss nichts Dauerhaftes entstehen – außer man behandelt ihn so.

Die vereinbarte Pause

Ein besonders hilfreiches Instrument ist das, was man als „vereinbarte Pause“ bezeichnen könnte.

Anstatt die Situation als Entscheidung zwischen „aufhören oder weitermachen“ darzustellen, wird eine dritte Möglichkeit angeboten:

„Lass uns für einen festgelegten Zeitraum etwas verändern und anschließend gemeinsam schauen, wie es sich anfühlt.“

Das kann bedeuten:

  • für zwei Monate ein anderes Repertoire zu spielen,
  • den Prüfungsdruck für ein Semester auszusetzen und nur aus Freude zu musizieren,
  • die Unterrichtshäufigkeit zu reduzieren,
  • oder das Unterrichtsformat zu verändern – mit mehr Improvisation, mehr Hörübungen oder mehr gemeinsamem Musizieren.

Weniger entscheidend als die konkrete Veränderung ist, dass sie einen klaren zeitlichen Rahmen hat.

Ein überschaubares Experiment – „Wir probieren das sechs Wochen lang aus und sprechen dann noch einmal darüber“ – wirkt oft viel greifbarer als eine unbefristete Verpflichtung. Gleichzeitig gibt es den Lernenden ein Stück Selbstbestimmung zurück – und genau diese fehlt häufig in dem Moment, in dem der Wunsch aufzuhören entsteht.

Die Perspektive der Selbstbestimmung

Die Motivationsforschung zeigt immer wieder, dass Menschen sich stärker engagieren und länger durchhalten, wenn drei Voraussetzungen erfüllt sind:

  1. Sie erleben sich als kompetent.
  2. Sie fühlen sich verbunden – mit ihrer Lehrkraft, mit anderen oder mit der Musik selbst.
  3. Sie haben das Gefühl, Einfluss auf ihr eigenes Tun zu haben.

Wenn jemand sagt, er oder sie wolle aufhören, ist meist mindestens einer dieser Bereiche aus dem Gleichgewicht geraten.

Die entscheidende Frage lautet daher: Welcher?

Hat die Person das Gefühl verloren, etwas zu können? Dann kann ein Stück oder eine Fähigkeit helfen, bei der schnell Erfolgserlebnisse möglich sind – als Erinnerung daran, dass sie es durchaus kann.

Fühlt sie sich von der Musik entfremdet? Dann ist vielleicht der richtige Zeitpunkt gekommen zu fragen, welche Musik sie wirklich liebt, und diese in den Unterricht einzubeziehen.

Hat sie das Gefühl, nur noch fremdbestimmt zu sein – durch Prüfungsordnungen, elterlichen Druck oder einen Übungsplan, der sich nicht nach dem eigenen Weg anfühlt? Dann kann es hilfreich sein, ihr wieder mehr Entscheidungsspielraum zu geben.

Dabei geht es keineswegs darum, die Ansprüche zu senken. Es geht darum, die Beziehung aufrechtzuerhalten, die diesen Ansprüchen überhaupt erst Bedeutung verleiht.

Für erwachsene Lernende

Erwachsene erleben diese Situation oft auf besondere Weise. Sie haben sich bewusst für den Unterricht entschieden und setzen sich deshalb häufig selbst unter hohen Druck

Wenn die Fortschritte stocken, kann der innere Dialog sehr hart werden:

  • Ich bin zu alt dafür.
  • Ich müsste längst besser sein.
  • Warum schaffe ich das nicht?

Der Wunsch aufzuhören hat bei Erwachsenen oft weniger mit der Musik selbst zu tun als mit dem Versuch, sich vor weiterer Enttäuschung zu schützen.

Hier besteht die Aufgabe der Lehrkraft darin, behutsam zwischen dem Erleben des Lernens und dem Erleben des Noch-nicht-Könnens zu unterscheiden.

Erwachsene müssen häufig daran erinnert werden, dass Anstrengung und Schwierigkeiten keine Zeichen des Scheiterns sind, sondern genau der Ort, an dem Lernen stattfindet. Die Schwierigkeit ist nicht das Gegenteil von Wachstum – sie ist dessen eigentlicher Motor.

Was bleibt

Manche Schülerinnen und Schüler werden tatsächlich aufhören. Das gehört zur Realität und bedeutet nicht zwangsläufig ein Scheitern.

Manchmal passt der Zeitpunkt nicht. Manchmal haben andere Dinge Vorrang. Manchmal ist der klassische Musikunterricht in dieser Lebensphase einfach nicht das Richtige.

Diese Tür offen zu halten – ohne Drama und ohne Vorwürfe – gehört ebenfalls zur Aufgabe einer guten Lehrkraft.

Doch diejenigen, die die schwierige Phase überwinden und den Punkt hinter sich lassen, an dem alles plötzlich nicht mehr leicht war, erinnern sich später meist an zwei Dinge:

  • an das Musikstück, das schließlich doch gelungen ist,
  • und an die Lehrkraft, die ruhig geblieben ist, als sie sagten, sie wollten aufhören.

Auch diese Gelassenheit ist eine Form des Unterrichtens.

Ursprünglich veröffentlicht im Peembeck-Blog.

© Copyright 2023 | Peembeck GmbH | All rights reserved

| Impressum | Datenschutzerklärung

Du hast Fragen?
Dann melde dich!

Danke, dass du unsere Website besuchst! Wenn du Fragen hast oder zusätzliche Unterstützung benötigst, zögere nicht, uns zu kontaktieren.

Unser engagiertes Team hilft dir gerne weiter, um sicherzustellen, dass du die Informationen und Unterstützung erhältst, die du brauchst. Du kannst uns telefonisch, per E-Mail oder über das Kontaktformular auf unserer Website erreichen. Wir freuen uns darauf, von dir zu hören!

KONTAKT mail_outline info@peembeck.com 06781 457520

Schützenstraße 7,
55743 Idar-Oberstein